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Klimawandel

Donnerstag, 20.09.2012

Arktiseis: Neuer Tiefststand

Nordpol in 10 Jahren eisfrei?

Die Eisbedeckung in der Arktis hat einen neuen historischen Tiefststand erreicht. Mit einer aktuellen Ausdehnung von etwa 3,4 Millionen Quadratkilometern wurde der alte Rekord von 4,2 Millionen Quadratkilometer aus dem Jahre 2007 deutlich unterboten. Der Vergleich mit dem Durchschnittswert der Jahre 1971 bis 2000 verdeutlicht die Dramatik der aktuellen Situation: In diesem Zeitraum hatte das arktische Eis eine durchschnittliche Ausdehnung von 7,5 Millionen Quadratkilometer, also mehr als doppelt so viel wie in diesem Jahr.

Nie seit Überwachungsbeginn gab es so wenig Eis in der Arktis

Nach den Daten des National Snow and Ice Data Centers ist der bisherige Tiefstwert der arktischen Eisausdehnung von 2007 deutlich unterschritten worden und liegt bei etwa 3,4 Millionen Quadratkilometer. Klimaforscher machen den Klimawandel für die Erwärmung der Polregion verantwortlich. Wie bedeutend die Rolle des Menschen ist, ist in Fachkreisen aber umstritten. Bildquelle: National Snow and Ice Data Center

Das Eis ist jedoch nicht nur weniger geworden, sondern auch dünner: Aus Satellitenmessungen geht hervor, dass es sich bei der verbleibenden Eisfläche mehrheitlich um dünnes, brüchiges Sommereis handelt und kaum noch dickes, mehrjähriges Packeis dabei ist. Außerdem ist das Meer in der Arktis durch die lange Sonneneinstrahlung im Sommer stark aufgeheizt, es braucht also länger, bis es wieder zufriert. Klimaforscher befürchten, dass der aktuelle Rekord nur eine Momentaufnahme ist und das Eis von nun an jedes Jahr stärker abschmilzt.

Grund ist ein sogenannter positiver Rückkoppelungseffekt, der im Volksmund auch "Teufelskreis" genannt wird: Je mehr Eis schmilzt, desto mehr dunkles Meerwasser kann von der Sonne erwärmt werden. Warmes Meerwasser verstärkt wiederum das Abschmelzen des restlichen Eises, außerdem friert es später (oder gar nicht) wieder zu. Führende Klimawissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass das Schmelzen des Eises viel schneller voran schreitet als bisher angenommen - und der Nordpol möglicherweise schon in wenigen Jahren im Sommer eisfrei sein könnte.

Animation zeigt die Eisschmelze

Der Blick aus dem All zeigt, wie viel Eis in den vergangenen Monaten abgeschmolzen ist. Vor allem vor der Küste Sibiriens sind enorme Eismassen verschwunden. Bildquelle: NOAA, via Youtube

Die Folgen einer eisfreien Polkappe im Sommer für das Klima in Mitteleuropa und in der Welt sind gar nicht absehbar. Das Nordpoleis ist ein entscheidender Faktor für unser Wetter, da der Temperaturunterschied zwischen Pol und Äquator die Tiefdruckbildung in mittleren Breiten anregt. Diese Tiefs sorgen wiederum für den wechselhaften und gemäßigten Wettercharakter in Mitteleuropa. Wenn das Eis weg ist, schwächt sich die Tiefdruckbildung ab. Mögliche Folgen bei uns wären heißere, trockene Sommer, aber auch vermehrte Kaltlufteinbrüche im Winter.

Die Ursachen für das Abschmelzen des Arktikeises werden kontrovers diskutiert. Sicher ist, dass der Klimawandel für die Erwärmung der Polarregionen verantwortlich ist. Umstritten ist jedoch, ob es sich hierbei um eine natürliche Anomalie oder eine direkte Folge der menschlichen Einflüsse auf die Erdatmosphäre handelt. So oder so: Wenn die Forscher recht behalten und die Arktis in einigen Jahren tatsächlich im Sommer eisfrei sein wird, steht die Menschheit vor dem bedeutendsten Klimaereignis seit dem Ende der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren.

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