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Klimawandel

Freitag, 14.05.2021

Gletscherschmelze mit Folgen

Klimawandel stört Erdrotation

Dass die magnetischen Pole der Erde auf Wanderschaft sind, ist nicht neu. Jetzt sind aber auch die Erdachse selbst und mit ihr die geografischen Pole verstärkt ins Taumeln geraten. Schuld daran soll der Klimawandel sein. Wie kann das sein?

Der Perito-Moreno-Gletscher in Patagonien im Süden Argentiniens ist einer der wenigen Gletscher der Erde, die sich derzeit nicht zurückziehen.

Die Achse unserer Erde rotiert schon seit jeher nicht völlig gleichmäßig. Vielmehr ist sie schon immer winzigen Schwankungen unterworfen, die von der ungleichmäßigen Verteilung von Land- und Wassermassen herrühren. Diese führt zu einer minimalen Unwucht der Erddrehung, die dem "Eiern" eines nicht ausgewuchteten Autoreifens gleicht. Anders als beim Autofahren nehmen wir das von dieser Unwucht hervorgerufene Vibrieren der Erdachse allerdings nicht wahr. Es ist jedoch messbar und führt bei der Erde dazu, dass ihre geografischen Pole "wandern".

Während man mit kleinen Gegengewichten die Unwucht von Autoreifen ausgleichen kann, liegen die Dinge bei einem Planeten viel komplizierter. Hier führen Konvektionsströme im glutflüssigen Inneren, aber auch Vulkanismus sowie das Hin- und Herschwappen gigantischer Wassermassen wie sie von Ebbe und Flut verursacht werden, zu einem ständigen Taumeln des Himmelskörpers. Er ist daher permanent bemüht ein neues Gleichgewicht herzustellen. Dabei ändert sich die Lage der Erdachse an ihren Polen im Millimeterbereich: Die Pole "wandern".

Die Erdachse bildet zugleich die Drehachse unseres Planeten. Massenverschiebungen durch Gletscherschwund können zu Unwuchten der Rotation führen.

Forschern der chinesischen Akademie der Wissenschaften ist es nun gelungen, Tempo und Ausmaß dieser Wanderbewegung zu bestimmen. Sie beträgt an der Erdoberfläche derzeit 3,26 Millimeter pro Jahr. Dabei konnten sie auch nachweisen, dass sich Richtung und Tempo dieser Drift seit Mitte der 1990-er Jahre gegenüber den 25 Jahren davor stark verändert haben. Sie nahm um das 17-fache zu, ohne dass sich das mit den bisher berücksichtigten Parametern erklären ließ. Ihr Verdacht: Die Wasserverteilung auf der Erde muss die Massenbalance verschoben haben.

Ursachen dieser Massenverschiebung können nur die vom fortschreitenden Klimawandel ausgelöste, großräumige Gletscherschmelze sowie die exorbitante Entnahme von Grundwasser durch den Menschen sein. Das Schmelzwasser setzt enorme Wassermassen frei, die den großen Meeresbassins zuströmen. Und die Entnahme von Grundwasser leert die unterirdischen Wasserreservoire schneller als Wasser nachfließen kann. Beide Vorgänge verstärken die natürliche Unwucht der Erdrotation und bewirken so die beschleunigte Wanderung der geografischen Pole.

Immer häufiger wird Grundwasser zur Beregnung von Obst- oder Gemüseplantagen eingesetzt. Dadurch leeren sich unterirdische Wasserspeicher schneller, als Wasser nachfließen kann.

Die beobachtete Poldrift sollte übrigens nicht mit der seit Jahrzehnten bekannten Wanderung der magnetischen Pole der Erde verwechselt werden. Während sich die Magnetpole mit jährlichen Raten von vielen Kilometern verlagern, verschieben sich die geografischen Pole in der gleichen Zeit nur um wenige Millimeter. Neu daran ist jedoch die Erkenntnis, dass menschliches Zutun für diese zwar minimale, aber immerhin messbare Bewegung verantwortlich ist. Damit ist das verstärkte Taumeln der Erdachse auch eine indirekte Folge des Klimawandels.

Die Informationen dieses Beitrags basieren auf einer Veröffentlichung in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Geophysical Research Letters.

(Ein Bericht von Jürgen Vollmer aus der WetterOnline-Redaktion)

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