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Klimawandel

Mittwoch, 03.04.2013

Antarktiseis-Rätsel gelöst

Grund für Zunahme ist erforscht

Es war bisher einer der großen Widersprüche der Klimaforschung: Obwohl sich die globale Temperatur nachweislich erhöht hat, die Gletscher in den meisten Gebirgsregionen schmelzen und das Arktiseis immer weiter schrumpft, nimmt die Eisfläche im Südpolarmeer Jahr für Jahr weiter zu. Im letzten Jahr gab es sogar einen neuen Positivrekord beim antarktischen Meereis, während gleichzeitig im Nordpolarmeer ein Negativrekord verzeichnet wurde. Der Grund für diese Gegensätze war bislang unbekannt - jetzt ist das Rätsel wahrscheinlich gelöst worden.

2012 Rekord beim Antarktiseis

Die Grafik zeigt den Höchststand des antarktischen Meereises im August 2012 - ein neuer Rekord. Die Menge an Eis auf dem Südpolarmeer nimmt Jahr für Jahr zu - ein niederländisches Forscherteam hat den wahrscheinlichen Grund dafür nun herausgefunden. Bildquelle: National Snow an Ice Data Center

Messungen eines Antarktis-Forscherteams des niederländischen Wetterdienstes KNMI haben ergeben, dass sich das Meerwasser vor der antarkischen Küste nachweislich erwärmt hat. Die Folge ist, dass die ins Meer fließenden Gletscher mehr Eisberge "kalben" und schneller abschmelzen. Dadurch gelangen größere Mengen Eisberge und viel Treibeis ins Meer - zusammen mit einer enormen Menge Schmelzwasser mit einem sehr geringen Salzgehalt. An dieser Stelle beginnt die Auflösung des Paradoxons.

Das salzarme, kalte Schmelzwasser ist leichter als das salzhaltige Meerwasser und "schwimmt" deswegen wie eine isolierende Decke mit einer Mächtigkeit von 50 bis 200 Metern auf dem salzhaltigen Meerwasser. Je geringer der Salzgehalt von Wasser ist, desto schneller gefriert es: Daher bildet sich derzeit im Südpolarmeer bei Frostwetter relativ schnell neues Eis. Außerdem kühlt das salzarme Oberflächenwasser im antarktischen Winter viel schneller aus - noch mehr Eisbildung ist die Folge, der Abkühlungseffekt verstärkt sich.

Schema des antarktischen Abkühlungseffekts

Der Abkühlungseffekt de antarktischen Meerwassers in einem stark vereinfachten Schema. Die Gletscher schmelzen und kalben Eisberge, durch das Schmelzwasser entsteht eine kalte, salzarme Wasserschicht. Diese gefriert schneller und kühlt deutlich schneller aus - immer mehr antarktisches Meereis ist die Folge. Bildquelle: WetterOnline

Dass in großen Mengen ins Meer fließendes Schmelzwasser erhebliche Auswirkungen auf das Klima haben kann, ist nicht neu. Auch im Nordatlantik hat es während der letzten Kaltzeit mehrfach ähnliche Ereignisse gegeben. Die nach seinem Entdecker getauften "Heinrich-Ereignisse" waren rasante Klimaschwankungen, die oft innerhalb von wenigen Jahrzehnten passierten. Durch gewaltige Schmelzwassermengen der Eiszeitgletscher bildete sich eine kalte Süßwasserschicht, die den Golfstrom abwürgte - radikale Kälteeinbrüche waren die Folge.

Empfindliches globales Netz von Meeresströmungen

Das globale Netz der Meeresströmungen, genannt Thermohaline Zirkulation, reagiert empfindlich auf schnelle Klimaveränderungen. Durch große Mengen Schmelzwasser der Eiszeitgletscher wurde während der letzten Kaltzeit der Golfstrom (im Bild links oben) mehrfach unterbrochen - radikale Temperaturstürze auf der Nordhalbkugel waren die Folge. Bildquelle: Public Domain

Den "Heinrich-Ereignissen" ging übrigens stets eine kontinuierliche Erwärmung über mehrere Jahrhunderte voraus, die das Schmelzen der Eiszeitgletscher erst ermöglichte - die bekannten "Dansgaard-Oeschger-Ereignisse". Die Parallelen zur heutigen Zeit sind frappierend: Seit 1850 hat sich das Klima ebenfalls signifikant erwärmt, was auf der ganzen Welt zu einer starken Gletscherschmelze geführt hat. Dennoch steht uns in den kommenden Jahren wohl kein neuer Kälteschock bevor - Anzeichen für einen kollabierenden Golfstrom gibt es derzeit nicht.

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