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Winter 1978/79 - Spezial

Augenzeugenbericht Teil 2

Gefangen in Eis und Schnee

Insel Sylt am 29.12.1978 um 18:30 Uhr: Sind wir wirklich erst 15 Minuten unterwegs oder irren wir schon seit Stunden durch die eisige Nacht? Wir verlieren das Zeitgefühl. Die Sicht ist gleich Null und eine Wegbeleuchtung gibt es hier nicht. Was, wenn wir uns längst in den Dünen verlaufen haben?

Die Wetterlage am Silvestertag des Jahres 1978

Entlang einer scharfen Luftmassengrenze ziehen immer wieder Randtiefs nach Osten. Die hier geschilderte Reise führt von Süd nach Nord durch die extreme Eisfront, als diese noch über Norddeutschland liegt. Grafik:Jürgen Vollmer/Icon

Nach einer wahren Ewigkeit taucht endlich der erlösende Lichtschein der Herberge vor uns auf. Erst verschwindet er immer wieder hinter dem dunklen Vorhang der von der Seite heranjagenden Schneemassen. Aber dann, nach weiteren zwanzig bangen Schritten erreichen wir völlig entkräftet, aber überglücklich, das hell beleuchtete Portal der gesuchten Herberge. Die Schneeberge neben dem Eingang türmen sich fast zwei Meter hoch.

Wie auf dieser Dorfstraße in Hohwacht in Ostholstein sieht es zum Jahreswechsel in fast ganz Schleswig-Holstein aus. Bild: Sören Petersen

Wenig später erfahren wir in der warmen Stube des Hauses mit einem Dutzend anderer Gäste aus den TV-Nachrichten, dass hier in Schleswig-Holstein vielerorts der Ausnahmezustand verhängt worden ist. Am wärmenden Feuer des Kamins sehen wir noch mal die Bilder des Tages, eines Tages, der das öffentliche Leben in weiten Regionen lahm gelegt hat. Erst jetzt beginnen wir zu begreifen, wieviel Glück wir hatten, unser Ziel überhaupt noch erreicht zu haben ...

Stadt Niebüll vom 30.12.1978 bis 2.1.1979

Noch zwei Tage lang tobt der Schneesturm und begräbt von Kettenfahrzeugen des THW und der Bundeswehr mühsam geräumte Wege immer wieder unter meterhohen Schneewehen. Die Temperaturen pendeln zwischen minus 10 und minus 15 Grad. Der Schneesturm hat das öffentliche Leben lahm gelegt. Zahllose Ortschaften und Gehöfte in der Umgebung sind ohne Verbindung zur Außenwelt, viele Menschen sitzen in den Schneemassen fest, oft ohne Heizung und Strom. Wir schlafen in einer vom Roten Kreuz eingerichteten Notunterkunft.

Ein Bauerngehöft ist wegen der meterhohen Schneewehen komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Bild: dpa

Wir hatten unsere sichere Bleibe auf Sylt in der Hoffnung verlassen, dem Chaos vielleicht noch entkommen zu können! Am Morgen hatte der Reif zentimeterdick auf den Schlafdecken gelegen, über Nacht war die Heizung ausgefallen. Da unklar war ob sie repariert werden könnte, hatten wir uns trotz eines stattlichen Holzvorrats für den Kachelofen entschlossen, mit dem nächsten Zug wieder aufs Festland zu fahren. Doch schon in Niebüll war Endstation: Meterhohe Schneewehen blockierten die Weiterfahrt, der Zugverkehr war eingestellt worden.

Noch lange nach dem Schneesturm türmten sich die Schneeberge meterhoch in den Straßen der Stadt. Bild: Jochen Scheel

Am Neujahrstag erfahren wir dass Schneefräsen aus dem Schwarzwald unterwegs sind, um die Gleise zu räumen. Irgendwo ist ein Zug mit Hunderten Reisenden in den Schneemassen stecken geblieben. Autokolonnen sind unter Schneewehen begraben, Altenheime und Krankenhäuser wegen Stromausfällen und eingefrorenen Wasserleitungen im Notbetrieb. Reisende sitzen zu Tausenden in Notunterkünften fest. Erst jetzt wird uns klar, dass wir gerade Zeitzeugen eines meteorologischen Jahrhundertereignisses werden ...

Jürgen Vollmer, Wetterredaktion

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